Präsentation:         17.9. - 15.10.2005


 
ein Projekt von: Dieter Lutsch, Anja Gerecke,
Silvia Lorenz, Stefan Rummel, Peter Müller,
Olf Kreisel, Wolfgang Krause
 

Presse: TAZ vom Donnerstag den 22.09.2005 Seite 27:
 
Frühstück auf dem Balkon
In einem leer stehenden Haus spielen Kunststudenten den Alltag der Mieter

PRENZLAUER BERG. Wenn es dunkel wird, merken Passanten und Nachbarn, dass mit dem Haus was nicht stimmt. Dann dringen laute Küchengeräusche aus einem Balkonfenster, ein Stockwerk höher ist das Starten eines Flugzeugs zu hören. An die Decke einer Wohnung sind Sektgläser und eine Trompete projiziert. Darüber hat jemand einen riesengroßen roten Ball ins Fenster gelegt. Als eines Abends auch noch schrecklich laute Volksmusik aus einem Fenster drang, wurde es einigen Nachbarn zu bunt. Sie riefen die Polizei. Die kam auch. Doch es gab keinen Ärger.
  Denn die Beamten wissen Bescheid. Alles hat seine Ordnung. Was von der Straße aussieht wie eine Hausbesetzung oder ein Hippie-Happening ist ein ordentlich angemeldetes Projekt von Studenten der Kunsthochschule Weißensee und freischaffenden Künstlern. Für drei Wochen sind 42 Menschen in das leer stehende Haus an der Kastanienallee, Ecke Oderberger Straße gezogen. "Wir spielen hier den Alltag der Mieter, die es in dem Haus gar nicht mehr gibt", sagt Peter Müller. Der 29-Jährige studiert Freie Kunst im fünften Studienjahr.
  Es ist die letzte Chance für die Kunststudenten, das Haus für ihr Projekt "Daheim" zu nutzen. Fünf Jahre lang stand es leer, Ende Oktober beginnt die Sanierung. Alle Wohnungen wurden an Eigentümer verkauft. Dirk Bösel, Geschäftsführer der Eigentümergemeinschaft, hat das Haus mietfrei an die Studenten gegeben. "Auch für Hausbesitzer zählt nicht nur das große Geld", sagt Bösel.
  Jede Wohnung ist belegt, die 52 Fenster leuchten abends in unterschiedlichen Farben. Es gibt Kunst in allen Räumen. Wer sie erleben will, muss allerdings von der Straße in die Zimmer schauen. Denn Zutritt haben nur Bewohner und deren Gäste. Die Haustür bleibt verschlossen.
  Alle Mieter spielen Charaktere, jeder hat sich eine Geschichte zugelegt. Eine Legende. So ist Peter Müller gerade mit seiner Freundin zusammengezogen. Morgens, wenn sie zur Arbeit muss, macht er ihr Frühstück auf dem Balkon. Dann übt er Trompete, abends pokert er mit Freunden. Ein großer Tisch steht im Zimmer, ein Strahler wirft die Schatten aller Utensilien an die Decke. Manchmal kommt sein Nachbar Leander Hörmann wohnt ein Stockwerk tiefer. Hörmann hat seine Wohnung in ein Labor verwandelt. Eine metallene Fledermaus mit Laserstrahl rotiert im Kreis. Hörmann untersucht ihre Flugleistung. Die Tests laufen gut, die Situation ist aber ungewohnt. "Manchmal ist es schon sehr verwirrend hier im Haus", sagt er.
  Denn die Bewohner bleiben konsequent. Fremden gegenüber verlassen sie nicht ihre Rollen als Mieter, Untermieter oder Gast. Sie veranstalten Kehrwochen, putzen gemeinsam die Fenster, erzählen von Psychosen, Waschzwängen, weggelaufenen Katzen und Selbsterfahrungen in China. Am 26. September präsentiert die Mieterin aus dem dritten Stock ihren "Gesang auf das Eigentum". Am 3. Oktober ziehen die Bewohner in Schlafanzügen durch die Kastanienallee. Im Rückwärtsgang.
  Die Kunststudenten wollen eine gute Hausgemeinschaft sein. Sie laden sich zum Frühstück ein, spielen abends Fußball im Fitnessraum im zweiten Stock oder tanzen im Discoraum unterm Dach. Sie stellen sich auf die Straße und reden mit Passanten. "Viele sind irritiert", sagt Peter Müller. Manche Nachbarn schauen sich die Wohnaktion sogar mit dem Fernglas an. Ab Mitternacht haben sie Ruhe. Dann gehen die Kunststudenten nach Hause. "Daheim" ist eben nur ein Wohnprojekt. Mit festen Arbeitszeiten.
 
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